Was ist Erleuchtung?
Was ist Spiritualität?

Satsang Auszug:

Suchender: Die Begriffe Spiritualität und Erleuchtung sind heute sehr populär. Darf ich dich verehrter Guruji fragen, was bedeuten Erleuchtung und Spiritualität?

Guruji Sri Vast:

Die Menschen erwarten, dass Erleuchtung etwas Außerordentliches ist; plötzlich wirst du zu einer Art Engel, plötzlich wirst du besonders. Für mich, meine Erfahrung und Realisierung ist, dass du nicht zu etwas Besonderem wirst. Das Bedürfnis, etwas Besonderes zu werden, ist nicht da. Die Person wird vollkommen normal. Da wir alle anomal sind, versuchen wir super normal zu werden; wir wünschen uns, eine Art Superzustand zu erreichen.

Der Superzustand ist nichts anderes, als normal zu werden. Die Person ist geerdet. Wenn du geerdet bist, kannst du alles erfahren: du kannst alles fühlen, sehen, berühren, hören und wahrnehmen ohne irgendeine Referenz. Es ist sehr wichtig, Befreiung nicht mit irgendetwas Exotischem zu verbinden.

Wenn ich sage, ich habe mit einem Yogi oder mit Saddhus zehn Jahre in einer Höhle gelebt, wird das zu etwas Exotischem, weil ich etwas getan habe, das du nicht tun konntest. Es geht dann darum, etwas Besonderes zu sein. Etwas anderes zu tun, als andere. Solange dieser Vergleich da ist, – dass ich anders bin, dass ich besonders bin – wirst du der Gefangene deiner eigenen Vergleiche, denn die ganze Welt liegt vor dir, um dich mir ihr zu vergleichen.

Wohin auch immer du gehst, werden Menschen sein, denen du beweisen musst, dass du besser oder schlechter bist als sie. Dann bist du in der Falle des Vergleichens. Freiheit ist, sich von all den Vergleichen zu befreien. Wie ist das praktisch möglich? Befreie dich von der Person in dir, die sich selbst mit anderen vergleicht. Eine exotische Herangehensweise an Befreiung lässt dich exotischer werden. Du möchtest größer sein als andere. Deshalb erzählen die Leute so gerne ihre Geschichten: Ich war hier… ich war dort … ich habe dies getan… ich habe jenes getan… Bedeutet das in diesem Fall, dass die Menschen, die niemals etwas Exotisches getan haben oder in Indien gewesen sind, nicht erfahren können, was ‘Das Göttliche’ ist? Das würde bedeuten, dass Gott eine Art Bedingung an dich stellt: “Nur wenn du all diese exotischen Dinge tust, kannst du mich erfahren.” Bedeutet das, dass die abgelegenen Dorfbewohner in Afrika, die niemals in Indien waren, nicht befreit werden können? Das erscheint irgendwie seltsam. Wenn Gott eine Bedingung stellt: “Nur wenn du dies und jenes tust, kannst du Mich erfahren,” dann müssen wir uns von diesem Gott befreien, von diesem Konzept Gottes, welches Bedingungen an uns knüpft. Es geht darum zu verstehen, was wahre Befreiung ist. Nach welcher Art von Befreiung suchst du? Es ist wichtig zu verstehen: Was ist diese Spiritualität? Und was genau möchten wir erreichen, wenn wir von Befreiung sprechen?

Du kommst zum Beispiel nach Indien. Du sitzt auf dem Boden, isst mit den Fingern, isst von einem Bananenblatt, singst Mantras, übst Asanas und all diese Dinge. Du siehst dies als deine spirituelle Praxis. Dann gehst du mit einer exotischen Erfahrung zurück nach Hause. Wenn du zurückgehst, musst du diese Praxis an dein normales Leben anpassen. Wenn du diese Praktiken beendest, wirst du behaupten, dass du nicht mehr länger spirituell lebst und zwar deshalb, weil du dich an etwas Exotisches angepasst hast und keine Verbindung zwischen der Spiritualität und dir selbst hergestellt hast.

 

Jede Übung, die dir auf dem Weg zur Befreiung hilft, ist eine spirituelle Praxis. Aber man muss wissen, was totale Befreiung bedeutet. Wenn dir nicht ganz klar ist, welche Befreiung du suchst, kannst du deine spirituelle Praxis nicht finden. Befreiung hat für verschiedene Menschen eine unterschiedliche Bedeutung. Jemand möchte zum Beispiel Befreiung vom Partner finden. Das kannst du nicht, indem du Asanas machst. Es muss sich ein Gespräch mit deinem Partner entwickeln. Das ist die spirituelle Praxis für diese spezielle Befreiung. Ein anderer mag es schwierig finden, sich selbst von seinen Rückenschmerzen zu befreien. Einfach dasitzen und Chanten mag dabei nicht helfen. Man muss genau wissen, was man im Zusammenhang mit Befreiung will und was das bedeutet. Um diese spezielle Erleuchtung zu erreichen, brauchst du eine spezielle Methode. Das kann alles sein.

Suchender:
Guruji Sri Vast, Menschen haben ihre spirituelle Praxis und dann haben sie ihr normales Leben. Kannst du bitte darüber sprechen?

Guruji Sri Vast:

Ja. Wenn du ‘spirituelle’ Menschen nach ihrem Namen fragst, mögen sie antworten, “Mein spiritueller Name oder mein normaler Name?” Du fragst sie, wie es ihren Freunden geht. “Meinen spirituellen Freunden oder meinen normalen Freunden?” Und wie läuft das Leben? “Interessiert dich mein spirituelles oder mein normales Leben?”

Das bedeutet, dass dein spirituelles Leben nicht dein normales Leben ist. Dein spirituelles Leben ist etwas Anormales, sogar für dich, so dass du dieses spirituelle Leben versteckst. Das bedeutet, dass du selbst einen Konflikt damit hast, einen Widerspruch in dir. Wenn du einen Namen wie Durga hast und behauptest, dass das dein spiritueller Name ist, warum benutzt du dann diesen Namen nicht, wenn du zur Arbeit gehst? Schämst du dich dafür? Das bedeutet, du schämst dich für dein spirituelles Leben. Wenn du dich für dein spirituelles Leben schämst, ist es nicht mehr spirituell. Du hast Freunde, die deine spirituellen Freunde sind, aber du kannst nicht mit deinen Arbeitskollegen oder zu Hause über sie sprechen, weil deine Kollegen und deine Familie es als sehr merkwürdig ansehen würden. Das bedeutet, du hast immer noch das Bedürfnis hast, akzeptiert zu werden; du möchtest nicht seltsam erscheinen. Oder hast du vielleicht selbst Angst, merkwürdig zu sein?

Suchender:
Ja, ich glaube viele Menschen haben dieses Problem, wenn sie einen spirituellen Weg einschlagen, dass sie es nicht ihren Freunden oder ihrer Familie erzählen können, weil diese darauf reagieren würden.

Guruji Sri Vast:

Genau… Man muss die Trennung zwischen dem normalen Leben und dem spirituellen Leben sehen. Das bedeutet, du verheimlichst etwas, über das du nicht mit jedem sprechen kannst. Es gibt bereits viele Dinge, über die du nicht sprechen kannst, die in dir verborgen sind. Und um von all diesen Dingen frei zu werden, findest du einen spirituellen Weg und eine spirituelle Praxis. Doch was, wenn dein spirituelles Leben zum größten Geheimnis wird, das du verstecken musst?

 

Das bedeutet, du wirst nicht befreit. Du hast noch immer einen Konflikt in dir, indem du behauptest: “Das ist mein normales Leben und das ist mein spirituelles Leben.” Wann wird dieses normale Leben spirituell? Oder wann wird das spirituelle Leben normal? Das Leben kann nicht in viele verschieden Teile geteilt werden. Wir teilen den Tag schon so ein: von 8.00 – 16.00 Uhr arbeite ich, nach 16.00 Uhr gehe ich nach Hause. Elf Monate im Jahr arbeite ich, einen Monat entspanne ich mich. Wer macht diese Aufteilung? Irgendwie teilen wir uns ständig auf, sehen unser Leben nicht als Ganzes und teilen uns selbst in lauter kleine Stücke.

Wenn jemand sagt, “Ich habe so viel zu tun. Ich hoffe, ich werde eines Tages Zeit für mich haben. Ich werde etwas ganz anderes machen: ein Buch lesen und mich etwas entspannen. Eines Tages werde ich etwas für mich selbst tun.” Aber was bedeutet es, wenn du kochst? Das tust du auch für dich selbst. Wenn du isst, tust du das auch für dich selbst. Du reinigst den Boden, auch das tust du für dich selbst, weil du es magst, wenn der Boden sauber ist.

Wir haben keine Beziehung zu all diesen praktischen täglichen Lebenserfahrungen, so dass wir nicht sehen, dass wir all diese Dinge für uns selbst tun. Aber am Ende des Tages, nach dem Saubermachen, wenn alles in Ordnung gebracht ist und du dich entspannst oder ein Buch liest, dann sagst du, dass du dies für dich selbst tust. Für wen hast du dann den Rest deiner Tätigkeiten getan?

Das ist eines der egoistischen Dinge. Wir haben etwas als gut und etwas anderes als nicht gut definiert. Jeder hat ein ideales, gemütliches und romantisches Bild davon, was Entspannung ist. Was macht jemand mit einem höheren Bewusstsein? Sitzt er da und meditiert? Oder geht er langsam, spricht langsam, hört Musik oder liest ein Buch? Wenn die ganze Menschheit dasitzt, langsam spricht, langsam geht, ein Buch liest und Musik hört, wer macht dann den Rest der Arbeit? Es ist sehr wichtig, das Leben nicht in zu viele Stücke zu teilen. Du hast nur ein Leben. Du hast nicht viele verschiedenen Leben. In dieser physischen Manifestation hast du nur ein Leben. Mache es zu einem Ganzen.

Das ist mein spirituelles Leben, mein Arbeitsleben, mein Familienleben und mein Sportleben. Je mehr Aufteilungen du machst, desto mehr Persönlichkeiten hast du. Und zwischen all diesen Persönlichkeiten gibt es einen Konflikt. Du kannst nie normal sein.

Vergewissere dich, dass du immer ehrlich bist und dass du vollkommen du selbst bist und teile das deinem Umfeld mit. Lass sie vorbehaltlos akzeptieren, wer du wirklich bist. Das ist nur möglich, wenn du aufhörst zu erwarten, dass dich dein Umfeld auf die Weise akzeptierst, die du willst. Oft sagen wir, “Die Leute akzeptieren mich nicht.” Aber ist es wahr, sie akzeptieren dich nicht, wie du bist? Oder möchtest du, dass sie dich auf bestimmte Weise akzeptieren? Wir haben dieses Bedürfnis, dass andere uns auf bestimmte Weise akzeptieren. Wenn diese sogenannten ‘anderen’ dich nicht auf diese bestimmte Weise akzeptieren, sagst du, sie akzeptieren mich nicht. Dabei akzeptieren sie dich nicht so, wie du möchtest. Wenn du aufhörst, von anderen zu erwarten, dass sie dich akzeptieren, wirst du frei.

Du wirst frei! Und du akzeptierst andere vollkommen. In dieser totalen Akzeptanz ist ihre Nichtakzeptanz auch Teil davon. Sie akzeptieren dich nicht… und du akzeptierst das auch, du akzeptierst sie, du akzeptierst dein Umfeld. Wenn du dich und dein Umfeld akzeptierst, werden diese beiden Leben, das spirituelle und das normale Leben ein Leben. Du bist normal. Spirituell gesehen bist du normal.