Dem Leben begegnen

Satsang Auszug:

Suchender: Verehrter Meister, kannst du uns einen Einblick gewähren, was das Leben ist?

Guruji Sri Vast:

Das Leben ist eine Ausdrucksform, die auf diesem Planeten erfahren werden muss. Um dieses Leben in seiner reinen Form zu erfahren, müssen wir denjenigen kennen, der erfahren soll – der Erfahrende. Der Erfahrende erfährt dieses Leben mit seinen Sinnen und seine Sinne werden von den Erfahrungen, die er in seiner Vergangenheit gemacht hat, manipuliert. Diese Erfahrungen schaffen ein Gefühl von ‚das bin ich. Dieses ‚ich’ deklariert er als ‚ich selbst. Dieses ‚ich selbst’hat seine eigene Lebenserfahrung, weil es sich von diesem Leben trennt und im Inneren eine Mini-Lebenserfahrung erschafft. Es erschafft zwei Leben – eines im Innern und eines im Außen. Aus dem Leben, das dieses sogenannte ‚ich’erfährt, projiziert es das Leben im Außen. Dies erschafft einen Konflikt. Wenn das Leben dieses ‚ich’im Innern nicht glücklich ist, beschuldigt es das Leben im Außen und damit rückt die Welt in das Blickfeld. Um das ‚ich’glücklich zu machen, versuchen wir das Umfeld und die Welt zu verändern, damit es keine Konfrontation gibt. Das ganze Leben lang versuchen wir diese Veränderung zu bewerkstelligen. Wir verändern die Menschen, wir verändern unseren materiellen Komfort, wir wechseln die Örtlichkeit. Wir verändern selbst diesen Planeten, um dieses ‘ich‘ glücklich, friedlich, glückselig und frei zu machen. Die meiste Zeit betrachten wir Freiheit als die Freiheit, mein Umfeld zu verändern, die Menschen zu verändern, Örtlichkeiten zu wechseln, um dieses ‚ich’zufrieden zu stellen, anstatt es zu konfrontieren.

Wo auch immer wir hingehen, wen auch immer wir treffen, was auch immer wir sehen, wir gehen durch den Prozess der Bequemlichkeit oder Konfrontation. Wenn die äußere Welt der inneren Welt entspricht, ist dieses ‚ich‘ zufrieden. Wenn die Welt diesem ‘ich‘ nicht entspricht, entstehen Konfrontation und Auseinandersetzung. Die Frage ist – wie kann man 7 Milliarden Menschen, 7 Milliarden ‚ich’zufriedenstellen? Der einzige Weg ist Selbsterkenntnis. Wenn jemand realisiert ist, erkennt er, dass die Welt seine Projektion ist. Was er sieht ist nicht, wie es ist, sondern es ist, was er sieht. Wenn er sich transformiert, transformiert sich auch, was er sieht. Es ist seine eigene Schöpfung. Er selbst hat es erschaffen durch das, was ihm widerfahren ist und er projiziert diese Welt durch diese Erfahrung, so dass das Leben für ihn real wird, weil er es erfahren hat.  Aber er vergaß, dass diese Erfahrung das Resultat seiner eigenen Projektion ist. Wir arbeiten hart und tun so viele Dinge in der Hoffnung, dass dieses ‘ich‘ eines Tages glücklich und zufrieden und frei von Konfrontation sein wird. Wir arbeiten hart, um die Komfortzone zu erschaffen, wo das, was ich wahrnehme, mich wiederspiegelt. Wenn das nicht geschieht, beginnt die Konfrontation.

Aber tief in uns wissen wir, dass wir jenseits davon sind, dass wir mehr sind, als wir erfahren. Es gibt den tiefsten Wunsch, diesem Unbekannten zu begegnen, das jenseits davon ist, das voller Frieden, Glückseligkeit und Freiheit ist.  Es ist eine Hoffnung, die jeder in seinem Herzen trägt und glaubt, dass es etwas ist, das am Ende dieses Lebens erreicht werden muss. Es ist etwas, dass man sich verdient und erfahren haben muss, als Ergebnis seiner Arbeit und seines Besitzes. Es ist aufgeschobene, weit entfernte Hoffnung. Wenn du diese Hoffnung als Errungenschaft lebendig hältst, als ein Resultat am Ende, läufst du einfach weiter. Aber wenn du diese Hoffnung aufgibst, die Hoffnung voller Frieden, Glückseligkeit und Freiheit zu sein, dann macht dieses Leben keinen Sinn. Dann verlierst du die Motivation. Menschen verlieren nicht die Motivation, weil sie nicht daran interessiert sind, etwas zu tun, sondern weil sie die Hoffnung verloren haben, weil sie die Verbindung mit der Erfahrung verloren haben, die als Endresultat ihrer Handlungen erwartet wird. Dann wird die Handlung bedeutungslos. Wir möchten unsere Motivation wiederfinden. Das ist nur möglich, wenn du deinen tiefen Wunsch nach Frieden, Glückseligkeit und Freiheit zurückgewinnst. Diese Erfahrung muss jeden Moment erfahren werden, wo auch immer du bist, mit wem auch immer du zusammen bist. Nur dann macht das Leben Sinn. Die Freiheit von diesem ‚ich, das an einer Reihe von Erfahrungen aus der Vergangenheit festhält und diese in die Gegenwart projiziert, wo wir unseren Frieden und unsere Glückseligkeit verloren habe. Wir möchten, dass dieses ‚ich’akzeptiert wird, dennoch möchten wir frei von diesem ‚ich’sein – es ist ein Paradox.

Das‘ich’als mich zu akzeptieren oder als was ich bin, ist genauso, wie wenn ein Dieb das Gericht bittet, zu akzeptieren ‚ich bin ein Dieb, der von der Gesellschaft akzeptiert werden muss’. Und wie wird der Dieb glücklich? Wenn sein Stehlen bedingungslos akzeptiert wird. Wenn er sich nicht schuldig fühlen muss, wenn er sich nicht schämen muss. Das klingt sonderbar – du wirst nicht zustimmen. Aber gleichzeitig sagst du vielleicht ‚ich möchte so akzeptiert werden, wie ich bin’. Die Frage ist ‚wer bist du’? Derjenige, der nach Akzeptanz sucht. Und was gibt es in dir, das akzeptiert werden muss? Was ist in dir, das von deinem Umfeld anerkannt werden muss, damit du dich verbunden fühlst?

Es ist ein ständiger Kampf, sich zu beweisen und akzeptiert zu werden, es sei denn, du nimmst dich selbst an, wissend, dass die Welt, die du wahrnimmst, nicht die Welt selbst ist, sondern deine Projektion. Damit hörst du auf, mit der Welt zu kämpfen, die nicht im Außen existiert, sondern nur im Innen. Der innere Kampf erschafft Gedanken, Worte und Handlungen. Wenn die Gedanken durch Worte ausgedrückt werden und die Worte durch Handlungen, wird dein innerer Kampf zur Realität in deinem Umfeld. Es wird deine Welt, die du mit anderen teilen möchtest, eine Welt, in der du versuchst, einen Partner zu finden, um mit ihm zu leben – einen Partner in meinem Kampf’. Im Laufe der Zeit verändert der Kampf ständig seine Farben. Die meiste Zeit wechseln wir auch den Partner, weil der Partner nicht zu dem neuen Kampf passt. Wenn eine Person sich verändert, verändert sich auch die Welt, in der er lebt. Kannst du das glauben, 7 Milliarden Menschen, 7 Milliarden Welten leben zusammen? Wenn wir unser Leben teilen möchten, vergessen wir die meiste Zeit, was wir teilen. Wir teilen die innere Erfahrung, die ich erlebe, die von mir geschaffen wurde. Und wir erwarten Akzeptanz für diese innere Erfahrung – denn, das bin ich. Ich identifiziere mich als das.

Wenn du genau hinsiehst, findet dieses Gefühl von ‘ich’ in deinem Verstand statt und wird dem Körper aufgedrängt. Und der Körper spielt mit und lebt das Leben dieses
‚ichs’, wobei ich den unendlichen Zustand meiner selbst verliere.

Wenn ich mich selbst mit meinem Körper identifiziere und dieser Körper stirbt, stirbt auch dieses Leben. Aber wenn ich diese Identität verliere, wenn ich mich selbst jenseits dieses Körpers erfahre, dann erfahre ich auch das Leben jenseits der Begrenzungen meines Körpers. Ich war formlos, ich erhielt die Form, ich werde wieder formlos sein und so fort. Ich erhalte vielleicht eine andere Form und werde wieder formlos. Es setzt sich fort. Ich gehe einfach weiter. Wenn ich diese Form verliere, was wird dann da sein? Einfach Frieden. Einfach Glückseligkeit. Einfach das Unendliche. Der Schmerz gehört zur Form; er gehört nicht zum Formlosen. Wenn diese Form nicht mehr da ist, ist auch der ganze Schmerz, der zu dieser Form kam, nicht mehr da. Wir wissen, dass wir in unserem formlosen Zustand keine Schmerzen empfinden, wir empfinden solch einen Frieden. Und wir möchten diesen Frieden, die Erfahrung des Formlosen, in dieser Form erfahren.

Du sagst, du möchtest göttlich sein, das Göttliche allzeit erfahren. Du sprichst nicht vom Göttlichen; du sprichst von dem Frieden im Inneren, der Glückseligkeit im Inneren, von dieser Freiheit, endlos zu sein, wo ich keine Begrenzungen mehr habe. Denn der Schmerz, durch den ich körperlich oder mental gehe, entsteht aufgrund meiner Begrenzungen. Jede Begrenzung, die ich erschaffe, gibt etwas, aber sie nimmt auch etwas von mir. Jede Begrenzung erschafft ein Gefühl von ‚ich’, aber die gleiche Begrenzung nimmt auch etwas von meinem wahren Selbst.

Wenn wir also über das Leben sprechen, sprechen wir über das Unendliche, die immerwährende Evolution. Unser Kampf entsteht, wenn wir uns weigern, uns weiterzuentwickeln. In der Natur wächst alles, alles verändert sich fortwährend. Alles verändert sich. Diese Bäume dort werden sich innerhalb von 4 Wochen verändert haben, sie werden 30 cm mehr gewachsen sein. Es wird neue Blätter, neue Zweige, neue Blüten, neue Vögel und neue Schönheit geben. Alles verändert sich fortwährend, entwickelt sich von einem zum anderen und doch bezeichnen wir uns als etwas Unveränderliches ‚das bin ich, ich bin so’. Aber wir entwickeln uns ständig weiter und wir weigern uns zu verstehen, dass wir uns weiterentwickeln. Wir weigern uns zu akzeptieren, dass wir uns verändert haben, dass das Leben sich verändert hat, dass sich das Umfeld verändert hat. Wir versuchen uns selbst als etwas Unveränderliches aufrecht zu erhalten, als etwas Solides. Unser Körper verändert sich, aber unser Verstand ist nicht bereit, sich zu verändern, denn er hat sich entschieden ‚das bin ich’. Der Verstand ist nicht fähig, das zu bieten, was unser Körper möchte und unser Körper ist nicht fähig, das zu bieten, was unser Verstand möchte. Da gibt es also ein Koordinationsproblem zwischen unserem Körper und unserem Verstand. Das macht die Dinge so kompliziert. Was auch immer wir denken, was auch immer wir tun, alles geschieht in unserem Verstand. Es muss in unserem Körper stattfinden und nicht in unserem Verstand. Auf Erfahrung beruhend. Das Leben muss unserem Körper wiederfahren, nicht nur unserem Verstand. Nur dann wird das Leben real – ansonsten ist es nur eine Idee.

Der Verstand muss mit dem Körper zusammenarbeiten. Der Verstand besitzt die Information über das Leben und der Körper gehört diesem Leben an. Was auch immer sich im Leben abspielt, spielt sich in deinem Körper ab. Wenn eine Bewegung im Raum stattfindet, findet eine Bewegung in deinem Körper statt. Wenn es Winter ist, findet der Winter in deinem Körper statt, so auch der Sommer und der Frühling.  Es gibt so manche Blume, die zu einem bestimmten Zeitpunkt blüht und diese Blume blüht auch in deinem Körper. Dein Körper ist Teil dieses Lebens und dieses Leben ist unendlich. Das bedeutet, dass jegliche Erfahrung, die in deinem Körper stattfindet, eine unendliche Erfahrung dieses Lebens ist. Das Leben ist so wunderschön.

Um dein Leben zu verstehen, musst du nur zwei Fragen stellen: „An was erfreue ich mich? Was ist mein tiefster Wunsch?“. An was du dich erfreust, bestimmt dein Leben. Du musst sehen, ob das, an was du dich erfreust, Freiheit bringt oder nicht; ob deine Freude aus der Freiheit entsteht oder nicht und ob deine Freiheit auch anderen Freiheit bringt oder nicht. Das zu wissen, ist das wahre Wissen. Nur durch diese Einsicht kann man diesem Leben begegnen.

Wenn ich etwas jenseits meines Egos erfahre, erfüllt mich das Leben mehr – ich werde formloser. Mein Ego erschafft eine Form aus meiner formlosen Erfahrung und es hält an dieser Form fest und wird abhängig von dieser Form. Wenn ich an etwas festhalte, sind meine Sinne dem Rest gegenüber blind. Ich werde mir selbst und dem Leben fremd.

Eine winzig kleine Blume kann die ganze Schönheit dieser Existenz jenseits des Verstandes enthüllen. Wenn du deine Augen öffnest, wenn du es dir selbst erlaubst, wird auf einmal so viel Schönheit für dich zugänglich. Wohin auch immer du dich wendest, wird die Schönheit sichtbar. Wenn du in die Schönheit eintauchst, ist deine Form nicht mehr gültig. Du wirst zur Schönheit selbst. Wenn du im Meer schwimmst, schwimme einfach. Wenn du im Sand sitzt, sitze einfach. Wenn du die Blume betrachtest, betrachte einfach nur die Blume. Nur wenn dein Verstand nicht stört und interpretiert, wird die Blume sichtbar und der Sand unter dir fühlbar. Andererseits ist dein Körper da, aber du nicht. Wenn ich mich wirklich an der Blume erfreue, wenn ich mich wirklich selbst loslasse, wenn ich wirklich eins werde mit dieser Blume, werde ich das nächste Mal diese Blume nicht brauchen, denn die Blume wurde ein Teil von mir. Was auch immer diese Blume geben sollte, habe ich empfangen, denn ich war vollkommen dort mit dieser Blume. Wenn die Blume etwas Neues geblüht hat, ist etwas Tiefgründiges in mir erblüht, mir wurde ein Blühen zu Teil. Das Leben wird mir zu Teil. Ich werde Teil des Lebens.

Im Leben tragen wir jedes Mal zu unserem formlosen Zustand bei, wenn wir uns selbst erlauben, uns hinzugeben, zu erfahren – nicht wie die Dinge sein sollten, sondern zu erfahren, was bereits da ist. Diese Erfahrung ist unendlich. Niemand kann dir diese Erfahrung nehmen. Wenn deine Erfahrung ausgedrückt wird, ist sie nicht mehr deine, sie ist Teil dieses Lebens. Selbst nach deinem körperlichen Leben ist sie immer noch da.

Das Leben ist kein vorgegebenes Manuskript, das man lesen muss. Es ist das Drama, das ohne Manuskript gelebt werden muss. Ein Spiel – die Leela. Wir werden geboren, gehen zur Schule, machen eine Ausbildung, begegnen einem Partner, bekommen einen Job, haben Kinder, kaufen ein Haus und ein Auto, bekommen einen Hund, gehen in Rente, sterben – der normale Ablauf, den wir das Leben des Menschen auf diesem Planeten nennen. In dieser Geschichte spielen wir reich und arm. Der arme Mann bekommt ein kleines Haus, ein kleines Auto und einen kleinen Job. Der reiche Mann bekommt ein großes Haus, ein großes Auto und einen großen Job. Das ganze Leben lang bemühen wir uns, von klein nach groß zukommen. Das ganze Leben vergeht im Verlauf dieses Prozesses, jemand zu werden. Die meiste Zeit haben wir nicht genug Lebenszeit, um das zu genießen, was wir erschaffen und angehäuft haben. Was wir erschaffen haben, entspricht nicht unbedingt unserem tiefsten Wunsch. Meistens geht es darum, Bedürfnisse zu erfüllen, die aus dem Vergleichen entstanden sind, um sich selbst zu beweisen und akzeptiert zu werden. Je mehr wir uns in diesem Prozess engagieren, desto mehr verpassen wir das Gefühl der Einzigartigkeit und der authentischen, direkten Lebenserfahrung. Das Leben muss ohne Bezugnahme auf die Vergangenheit gelebt werden, ohne jeden Vergleich.

Dem Leben muss man in diesem jetzigen Moment begegnen als die einzigartige Person, die man ist.  Meistens geht es in unserem Leben nur um uns Menschen. Kannst du dir vorstellen – auf einem Planeten zu leben, nur mit Menschen, ohne Blumen und Bäume, Vögel und Flüsse, ohne die Sterne und den Mond, nur Menschen? Es würde überhaupt kein Leben sein. Es würde unfruchtbar sein. Wenn wir nicht all die Ausdrucksformen dieser Existenz mit einbeziehen – wenn wir es uns nicht erlauben, diese Existenz zu erfahren und zu genießen, die nicht von Menschenhand geschaffen wurde – werden wir uns auch im Inneren unfruchtbar fühlen.  Das Leben beinhaltet so viel Schönheit. Uns wurde diese Form gegeben, dieser menschliche Körper und wir wurden auch mit unseren Sinnen beschenkt. Das Wunder ist, uns wurden nicht nur unsere Sinne geschenkt, sondern auch das, was es wahrzunehmen gibt – die Schönheit, die Musik, den Geschmack, die Düfte und Formen – um zu erfahren, zu genießen, uns daran zu bereichern und uns zu erweitern. Das Leben muss in jedem Moment deiner Existenz gefeiert werden. Und diese Feier, diese Freude, total am Leben teilzunehmen, ist das Göttliche. Gott sollte nicht verehrt werden, sondern gelebt.

Wenn eine Person erleuchtet wird, ist es nicht so, dass ein Individuum erleuchtet wird, sondern die ganze Welt, die dieses Individuum wahrnimmt, wird erleuchtet. Wo Gott kein Mythos ist, sondern Wirklichkeit.